Bericht über die AGF-Fachtagung am 30.11.2010
Am 30. November 2010 fand die AGF-Fachtagung „Kinderarmut in Deutschland und Europa – Wo stehen wir am Ende des Europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung?“
im Europäischen Haus in Berlin statt. Die Einbindung der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland bot die Möglichkeit zum Dialog mit hochrangigen Vertretern der europäischen Ebene über gemeinsame familienorientierte Strategien. Der Leiter der EU-Vertretung Matthias Petschke , der gemeinsam mit der federführenden AGF-Vorsitzenden Edith Schwab die Tagung eröffnete, sowie die Leiterin der politischen Abteilung Frau Stettner (die für die verhinderte stellvertretende EU-Generaldirektorin für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit eingesprungen war) stellten den Stand der europäischen Aktivitäten zur Bekämpfung von Armut in Familien dar: Die Bilanz des zu Ende gehenden Europäischen Jahres fiel – auch angesichts der zeitgleichen krisenbedingten Sparpläne in allen Ländern – gleichsam durchwachsen mit positiven Einsprengseln aus. Erreicht werden konnte die Initiierung nationaler Aktionspläne in den Mitgliedsstaaten. Im Rahmen ihrer Zuständigkeiten (die EU hat keine eigene Kompetenz für Familienpolitik oder die Ausgestaltung von Sozialleistungen) wird sich die EU auch weiterhin in verschiedenen Politikfeldern für die Bekämpfung von Kinderarmut einsetzen und außerdem vor allem über den Europäischen Sozialfonds (ESF) Aktivitäten in den Mitgliedsstaaten unterstützen. Im Mittelpunkt der EU-Aktivitäten steht die „Strategie Europa 2020“. Sie zielt auf eine deutliche Verringerung der Zahl von Armut betroffener Menschen u.a. durch die Erhöhung der Beschäftigungsrate und die Reduzierung der Schulabbrecherquote. Entsprechende nationale Aktivitäten sollen auf EU-Ebene ausgewertet und bewertet werden. Am 14.12. wird als Leitinitiative eine Plattform verabschiedet, die Anfang Januar in der EU-Vertretung vorgestellt wird. Geplant sind außerdem 2011 mehrere themenbezogene EU-Empfehlungen, die Entwicklung kinderspezifischer Armutsindikatoren sowie die Entwicklung einer EUKinderrechtstrategie 2011 bis 2014 (Armut, aber auch Gewaltthematik) 2011 bis 2014. Auch das für 2012 geplante Europäische Jahr zur Generationengerechtigkeit wird die Thematik aufgreifen.
Frau Schwab betonte für die AGF die Bedeutung eines breiten Ansatzes zur Armutsbekämpfung, der auch Reformen des Steuer- und Abgabenrechts umfassen muss. Der DFV unterstützte dies in der Diskussion. Auch vor dem Hintergrund des Verfassungsurteils zu den Regelsätzen und seiner in der Diskussion deutlich kritisierten Umsetzung konzentrierte sich die weitere Diskussion stark auf die deutsche Situation. Dr. Markus Grabka, Mitarbeiter beim Sozioökonomischen Panel im DIW Berlin, stellte als Zahlenhintergrund eine Bestandsaufnahme zur Situation von Kindern in armen Haushalten vor. Insgesamt habe sich die Armut in Deutschland verfestigt, die Chancen, aus niedrigen Einkommenssituationen herauszukommen,
hätten sich verschlechtert. Dabei sind vor allem Kinder und Jugendliche sowie auch junge Erwachsene zwischen 19 und 25 Jahren betroffen – auch ein Zeichen dafür, wie schwer der Einstieg in den Arbeitsmarkt geworden ist. In seinen Schlussfolgerungen plädierte Dr. Grabka für den Ausbau nicht-monetärer Transfers, da z.B. Kindergelderhöhungen
(wegen der Anrechnung auf ALG II) aus seiner Sicht die Armutsschere weiter öffneten. Diese und weitere Ausführungen auf der Tagung bestätigten erneut, wie wichtig es ist, weiterhin Aufklärung über das tatsächliche Volumen der Familienförderung zu leisten.
An der Podiumsdiskussion, die wie die gesamte Veranstaltung von der Journalistin und stellvertretenden Vorsitzenden von UNICEF Deutschland Maria von Welser moderiert wurde, beteiligten sich Frau Schwab, Thomas Mann MdEP (CDU/CSU, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten) und Dr. Jens Regger (Geschäftsführer Grundsicherung bei der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit). Entsprechend der Besetzung des Podiums standen neben bildungspolitischen Fragen insbesondere Fragen der Arbeitsmarktpolitik und damit verbunden Betreuungsfragen im Vordergrund. Ein wenig „Wasser in den Wein“ goss dabei der Vertreter der Bundesagentur mit seiner Einschätzung, dass zumindest in Berlin das dort vorhandene flächendeckende Netz von Ganztagsbetreuung mit Übermittagverpflegung die Armut von Familien nicht wirkungsvoll verhindern könne. Einen gewissen Kontrapunkt setzte aus europapolitischer Sicht auch Thomas Mann, der auf die sehr unterschiedlichen Familienbilder bezüglich der Kinderbetreuung in den Mitgliedsstaaten hinwies.
Em.
6.12.2010
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